„Supernova” von Isabella Santacroce: „Follow me into nowhere”

Ein Text von Paul Iancu

Obwohl die Jugendprostitution scheinbar das Thema des Romans ist, nutzt die italienische Schriftstellerin die sozialen Motive nur als Hintergrund, um die Geschichte drei Jugendlichen zu erzählen, die vom Gefühl der Entfremdung belastet sind, „in einer Gesellschaft, die die Träume täglich unterdrückt, um uns zu Gefangenen der Albträume zu verwandeln”. Trotzdem „ist nichts stärker als die Gebrechlichkeit eines Traumes”.

Isabella Santacroces Ansicht nach sind die innere Gefühle wichtiger als der soziale Kontext, obgleich sie bemerkt, dass „das Geld heilt… es ist wie ein Klebstoff, der eine zerbrochene Vase wieder gutmacht”. Die Armut bewegt die drei Hauptpersonen – Dorothy, Divna und Thomas – zu extremen Maßnahmen. Dennoch ist Beziehung jedes mit seiner eigenen Familie die Hauptursache ihrer verzweifelten Suche, auf eine Lösung zu kommen. Divna läuft von zu Hause weg aufgrund häuslicher Gewalt; Thomas lebt zwischen seinem ewig abwesenden Vater und einer Mutter, die nicht einmal versucht, ihre außereherliche Beziehung vor ihrem Sohn zu verbergen. In was Dorothy – die Ich-Erzählerin – betrifft, ist ihre Beziehung mit ihrer Mutter typisch für Santacroces Bücher: Die Frau verliert den Verstand (genauso wie Margaret in „Amorino”), sie lastet der Tochter ihre eigene Unglückseligkeit an (wie im „Zoo”) und vernachlässigt sie (wie Demons Mutter in „Luminal”).

Das Geld wird sehr einfach und schnell – mit gut bezahlter Prostitution – verdient, doch ist es genauso schnell für teure Hotelzimmer und glitzernde Haute-Couture-Mode ausgegeben und deswegen – obwohl der anfängliche Zweck ihrer Aufopferungen edel war, und zwar Divnas Ballettunterricht – verringert ihr Verdienst auf einige wie Krepppapier aussehende Kleidungsstücke die im mailändischen Läden namhafter Mode Designer gekauft wurden. Und als das übrige Geld ihnen geraubt wird, werden sie wieder auf die Erde in einer sinnbildlichen Szene zurückgebracht: der Zugang zu Höhen (im Roman werden diese durch das Belvedere des Pirelli-Hochhauses dargestellt) ist nur „den Erwählten” erlaubt – den drei Jugendlichen wird er dennoch schon am Eingang gesperrt.

Solche bildlichen Ausdrücke werden von der Autorin mit großer Geschicklichkeit in ihre Geschichte eingefügt, zu der sie gut und leicht passen, und das verleiht denen eine besonder starke Einwirkung. Oft sind die Sachverhalte spiegelsymmetrisch, wie im Falle der Darstellung des Zauberers von Oz, eine Erzählung, die zu einem wichtigen Teil der Kindheit der Ich-Erzählerin geworden ist: Am Anfang spielte die Mutter den Blechmann und die Tochter stellte die kleine Dorothy dar. Die Rollen werden später vertauscht – nach einer mit Drogen und Alkohol angefüllten Nacht muss Dorothy als den Blechmann verkleiden, während die Mutter das Mädchen darstellt und das Häuschen aus Stoff in ihren Armen bis zum Morgen hält, wenn der Arzt kommt und es entreißt; angerufen wird dieser von der Tante, das einzige Familienmitglied, das den Verstand noch nicht verloren hat.

Auf die gleiche Weise wird das Stichwort „Anfangs waren wir niemand, jetzt sind wir unsere Liebe” spiegelsymmetrisch wiederholt: „Anfangs waren wir unsere Liebe, jetzt sind wir niemand”. Zu guter Letzt: Dorothy – die von ihrer Mutter nach der Hauptfigur des „Zauberers von Oz” benannt wurde – verkörpert nach Lucrezias Ansicht Tadzio aus dem „Tod in Venedig” („War das mein Schicksal? In den Träumen anderer zu existieren?”) und wird schließlich „sittlich verfallener als” der Schriftsteller – Gustav von Aschenbach, der Hauptperson des Buches von Thomas Mann. Sie wird am Ende des Romans darauf aufmerksam: „mit zu viel Lippenstift, rosa geschminkten Wangen… dieser Schriftsteller am Ende, der sein Gesicht gemalt hatte, vor dem Tod”.

Die kulturellen Verweise sind außerdem reichlich vorhanden – es geht um ein Buch, das die Phantasiewelt voriger Trilogie hinterlässt („Desdemona Undicesima”: „V.M. 18” – 2007, „Lulu Delacroix” – 2010, „Amorino” – 2012) um in die Mitte der entfremdeten – und entfremdenden – Welt der ersten Trilogie zurückzukehren („dello Spavento” / „Trilogie des Schreckens”: „Fluo” – 1995, „Destroy” – 1996, „Luminal” – 1998).

Zu den Idolen neuer Generation – Burzum, Placebo, Lana del Rey, Die Antwoord, Air, Crystal Castles ersetzen David Bowie, der so oft in „Luminal” erwähnt ist – und den Top-Marken fügen diesmal die Gedichte von Prevert, die Musik von Chopin und die Verfilmung „Der Tod in Venedig” von Visconti hinzu. Und – vor allem – die zwei Geschichten, die von Kindern jeden Alters geliebt sind: „Der Zauberer von Oz” beziehungsweise „King Kong”.

Selbst die drei Jugendliche leben in einer von Superhelden und Superstars bewohnten Phantasiewelt. Der riesige Gorilla erscheint doch nicht, um die an die Spitze des Eiffelturms zu bringen, so wie in von denen umgestalteter Geschichte von King Kong, und sogar die Erdbeeren haben nicht die magischen Kräfte, mit denen sie investiert wurden. Dorothy, Divna und Thomas müssen wohl endlich „schwimmen lernen”. Dieses Mal geht es wieder um eine mehrdeutige Referenz, da die Bedeutung des Ausdrucks anfänglich darin bestand, in der Erwachsenenwelt zurechtzukommen, in einer Welt, die von „Zombies” besiedelt ist, die „über das Skelett ihrer eigenen Erinnerungen laufen”, woraufhin Divna denselben Ausdruck benutzte um Selbstmord zu bezeichnen.

Da die Protagonisten sich weigern zu wachsen, genauso wie Peter Pan, und da man die vorigen Bücher von Isabella Santacroce kennt, würde man eher an die letztere Deutung denken. Die Geschichte ist doch mit einem offenen Schluß geschrieben, nur die Gewissheit bleibt, dass Dorothy, Divna und Thomas sowie Eva dem Leser begleiten werden, auch wenn der Roman schon seit langem im Bücherregal ist. Es geht um einen Roman, der jede Menge Mitgefühl beweist. Selbst die Seele des Leser bleibt bis zur letzten Seite „an einem angespannten Seil zwischen Himmel und Abgrund”. „Follow me into nowhere”.

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