„Luminal”, oder um die umgedrehte schizophrene Romantik

Ein Text von Paul Iancu

„Musik ist ein Schlüssel, die Türen öffnen kann (…) Ich bringe einen Soundtrack für jedes Buch hervor”, erläuterte Isabella Santacroce während eines von uns geführten Interviews, als „Luminal” als Hörbuchfassung noch in Arbeit war. Mittlerweile wurde das schicke 4 CD-Box Set schon veröffentlicht, das, obwohl dessen Preis unerschwinglich scheinen könnte, aus keiner Sammlung eines wahren Fans der italienischen Schriftstellerin fehlen darf.

Wenn bisher Isabella Santacroce die war, die Verse für etliche Lieder von Gianna Nannini beigetragen, dann wurde diesmal die Musik von Jessica Hyde geschrieben, um einem ihres Romanes mehr Kraft zu geben („Luminal” – dessen Erstausgabe 1998 von Feltrinelli Verlag veröffentlicht wurde). Die Kompositionen bilden den treffenden Hintergrund für die hypnotische Stimme der Schriftstellerin, zumal „jedes Stück speziell in den Worten des Buches studiert wurde”. Das Ergebnis ist schwierig, einzuordnen, genauso wie alle Werke von Isabella Santacroce: es ist weder ein Hörspiel noch eine Rezitation des Buches, obwohl man auf diese Lösung kommt, wenn es um ein Audiobook geht – auf keinen Fall. Und selbstverständlich unterscheidet es sich von der 2004 erschiente Verfilmung (Regie: Andrea Vecchiato).

Das Hörbuch besteht aus 63 Stücke – im Gegensatz zum Buch selbst, das die völlige Entsagung auf die Regeln des „typischen” Romanes kenntlich macht (es geht außerdem darum, dass die Erzählung selbst nicht mehr der Schwerpunkt eines Buches ist, stattdessen gewinnen die Gefühle der Hauptfigur an Bedeutung). Die Geschichte wird (von Demon, die Ich-Erzählerin) auch wie eine Geständnis auf den CDs berichtet, und die Zwiegespräche, die selten die Erzählung unterbrechen, zum Beispiel das Telefonat von Demon und ihrer Mutter, werden mithilfe einfacheren Stimmflexionen wiedergegeben. Die Geschichte ist dann und wann von Wiedergaben einer Erinnerungen abgebrochen, die so wahrgenommen sind, als würden sie zu einem anderen Leben gehören. Die sind durch das Stichwort „REW” eingefügt, als ob die Hauptfigur eine Videokassette rückspulen würde, um seit langem vergessenen Ereignisse wiederzusehen.

Außer dem Fehlen vom Erzählfaden (im Sinne einer „traditioneller Prosa”) hat Isabella Santacroce die „fakultative” Zeichensetzung „erfunden” – noch etwas, was die Kritiker ihr vorgeworfen haben. Wenn so etwas könnte vielleicht das Lesen eines geschriebenen Textes beschweren, wird auf dem Hörbuch zu einem schnellen Tempo einer Geschichte, die scheinbar atemlos erzählt wird, während die Ideen schnell in Gedanken der Ich-Erzählerin aufeinanderfolgen („Vorrei. Essere. Meno. Agitata” / „Wäre. Ich. Weniger. Aufgeregt”, bekennt sich Demon öfters).

„È nel peccato la più grande richiesta d’amore” („In Sünde ist die größte Bitte um Liebe”) – schrieb Isabella Jahre später in „Amorino”, einem anderen Roman, der selbst eine Trilogie vollendet. Dennoch würde dieses Stichwort genauso gut an Bücher erster Serie – „Fluo”, „Destroy” und „Luminal” – passen. Obgleich sowohl die Hauptfiguren (Starlet – Misty – Demon & Davi) als auch die Orte, wo die letzteren Romanen spielen, verschieden sind (Riccione, der Geburtsort der Schriftstellerin, im ersten Band; London in „Destroy” bzw. Zürich-Berlin-Hamburg in „Luminal”), besteht der gemeinsame Nenner aus zunehmendes Alter der Hauptcharaktere sowie – vor allem – die Vertiefung des Gefühles der Entfremdung von der „normalen” Welt.

Starlet fängt nur an, das Leben unter Leuchtstofflicht zu genießen. Misty verlässt bereits die 24-Stunden-Konvention; öfters sind Zeitpunkten wie „27:15 Uhr” in „Destroy” angegeben. Demon und Davi werden nächtliche Kreaturen – sie „warten… auf die Sonne” nur einmal. Das Tagesgestirn wird demnach zum Sinnbild der Wahrnehmung ihrer inneren Dämonen, die sie nicht bekämpfen möchten, die sie in der Dunkelheit verstecken, in der Dunkelheit wo sie selbst leben und wo sie das geeignetste Heimtier haben – ein Fledermaus namens Demonia. Die Konfrontation mit dem Sonnenlicht bedeutet nicht nur das Ende ihrer Geschichte, sondern auch ihr eigenes Ende.

„In Sünde ist die größte Bitte um Liebe” konnte also Misty auch sagen, die Hauptfigur von „Destroy”, die am Ende des Buchs versucht, sich selbst zu zerstören. Statt sich umzubringen, wählt sie, sich selbstzuvernichten, indem sie ihre Lebensart an die Grenze bringt: sie erliegt der Lust einiger Jungen und dessen Hundes (Etwas Ähnliches tut Angelica – die Hauptperson des Romans „Revolver”, 2004, Mondadori Verlag – um einen Lebensabschnitt zu vollenden).

Demon und Davi gehen sogar weiter: extremer Sex und Rauschgifte sind denen die Normalität jedes Tages – die Normalität jeder Nacht, genauer gesagt. Selbst der Roman heißt „Luminal”, genauso wie der von Bayer verwendete Name, als diese Firma 1912 das Phenobarbital eingeführt hat – Hypnose ist eine der Nebenwirkungen dieses Sedativums.

„Luminal” hat aber eine weitere Bedeutung: es ist das Arzneimittel, das die berühmte Schauspielerin Marilyn Monroe angeblich am Abend ihres Todes schluckte. Das amerikanische Filmsternchen ist unter den 32 Berühmtheiten erwähnt, die Selbstmord begangen (der in Rumänien geborene Dichter Paul Celan erscheint auch auf dieser Liste) und denen der Roman gewidmet ist – ein Roman, der in einer Doppelselbsttötung gipfelt. Denn hat die obsessiv wiederholte Frage „Deve sempre ritornare il mattino?” („Muss der Morgen immer wieder zurückkehren?”) nur eine mögliche Antwort: Der Morgen kehrt erbarmungslos immer wieder zurück. Und deswegen gibt es für Demon und Davi nur eine Möglichkeit, die inneren Dämonen zu töten: sich umzubringen.

Einer dieser Dämonen ist das akute Gefühl des Bedürfnisses nach Liebe, inbegriffen nach Mutterliebe. Einer der Kernpunkte des Buches ist das Telefongespräch mit ihrer Mutter: Die Letztere hört fast nicht, wie hart sich die Tochter es sehnt, zur mütterlichen Brust rückzukehren. „Während sie etwas kaut”, unterlässt die Frau, dass ihr Sprössling sich wünscht, von ihr eingeladen zu werden. Stattdessen erzählt sie ihr über ihre neue Sucht – eine Deutsche Dogge namens Alan. Da Demon die Wärme des Körpers der Mutter nicht wahrnehmen kann, verwendet sie einen Ersatzkörper – den von Desdemona, die sie soeben ermordet hat.

Dieses Motiv ist auch am Ende eines anderen Romans („Zoo”, 2006, Fazi Verlag) zu finden – eine andere Szene, die eine besondere emotionale Wirkung hat: Die Taten der Tochter symbolisieren wieder ihren Wunsch, in die Gebärmutter zurückzukehren – fast wortwörtlich, kann man sagen. Diesmal steht ihr der Leib der Mutter zur Verfügung, die sie zuerst psychisch vernichtet hat, bevor sie ihr wörtlich tötet. Das Thema einer Rückkehr in den mütterlichen Körper erscheint wieder in „Amorino” (2012, Bompiani Verlag) – die Zwillinge Annetta und Albertina füttern die schon geisteskranke Margaret mit einer Suppe, die mit dem Fleisch deren Tochter Bernadine zubereitet wurde.

Während Demon ihr Familienleben für etwas haltet, was zu einer anderen Existenz gehört, muss ihr derzeitiges Leben einen eigenen Anfang: „Manchmal denke ich, dass der Mond mich zwischen Krämpfen blasser Schenkel gebar (…) Über einem Konzert von David Bowie machte er sich auf und ließ mich fallen” – so lautet der erste Absatz des Romans. Der Sturz sowie die Musik von den Idolen einer ganzen Generation der Rebellen sind ebenso Leitmotive dieser Trilogie. Die Musik als Mode wird dennoch bald zu der Musik als Hintergrund, der Text ist so geschrieben, als sollte er zu einem Liedtext werden. Es ist also kein Wunder, dass Isabella kurz nach der Veröffentlichung dieses Buchs mit der berühmten Sängerin Gianna Nannini angefangen hat, zusammenzuarbeiten.

In „Luminal” macht auch Thanatos seinen Auftritt, als natürlicher Bruder (als siamesischer Zwilling sogar, bei Santacroce) von Eros: der Tod begleitet die Liebe, er vervollständigt sie, manchmal kann er für sie einspringen. Demonia, die kleine Fledermaus, das einzige Lebewesen, das den zwei Mädchen Gesellschaft hält, wird getötet und zerstückelt und danach denen verschenkt – diese Szene erinnert mehr an die Weihnachtsgeschenken, die von Kindern mit ihren vor Emotion zitternden Händen geöffnet werden. Ihre Freundin Paula habe (laut Desdemona) dasselbe Schicksal wie Demonia.

Selbst die Mörderin – Desdemona – wird getötet. „Questo non è il paradiso dei bimbi che dormono con le api sopra che girano” („Dies ist nicht das Paradies der Babys, die schlafen, während die Bienen oberhalb deren herumfliegen”), schreibt Davi auf die Leiche, ein Befund, der primär auf die eigene Situation zielt. Damian schneidet sich die Pulsadern auf, nachdem er Demon zeigte – in jener Welt der Fleischeslust – was die wahre Liebe bedeutet. Der Tod der zwei jungen Frauen bei Sonnenaufgang ist der Höhepunkt dieser Geschichte.

Außer der äußerst kurze Liebesbeziehung von Demon und Damian fehlt die Liebe überhaupt – und nicht nur in diesem Roman, sondern auch (mit sehr wenigen Ausnahmen) in allen anderen Bücher von Isabella Santacroce, obwohl das Liebesbedürfnis allgegenwärtig ist. Alle andere Liebesakte verlaufen in einer totalen Ermangelung der Gefühle und sogar Identität – manche Partner sind Kunden, die nur mit Nummern bezeichnet sind. Und das wird durch das Wortspiel „vendersi e svendersi e poi dimenticare” („sich verkaufen und verscherbeln und dann vergessen”) sogar mehr hervorgehoben.

Der übermäßige Sex bedeutet nicht nur für Demon und Davi eine Ablenkung sondern auch für die Leser des Romans. Er ist wird zu dieser Hülle aus Fleisch, in dessen Abwesenheit „jeder Ton und jedes Wort eine mächtige Supernova” wäre. „Die Schreie sind nur ein Lied”.

Diese ist die Geschichte von Demon und Davi.

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