Isabella Santacroce: „Ich habe eine religiöse Beziehung mit dem Schreiben, es ist mir etwas Heiliges”

Foto: Monica Silva

Ein Interview von Paul Iancu

Jeder Roman von Isabella Santacroce ist ein Eintauchen durch die Dunkelheit ihrer Seele. Liebe, Hass, Verzweiflung, alle sind zur paroxysmalen Intensität von den von ihr erschaffenen Charakteren erlebt. Sie wählt die Worte aus als wären sie Noten einer dunklen Symphonie; sowohl gestalten diese den Hintergrund als auch vertonen sie ihre Geschichten. Es ist also kein Wunder, dass die Autorin von der berühmten italienischen Liedermacherin Gianna Nannini eingeladet wurde, mit Liedtexten zu fünf ihrer CDs beizutragen. Selbst die Schriftstellerin wird eine CD-Box veröffentlichen – „Luminal”, ihr dritter aus den zehn bisher verbrachten Romanen, wird zu Hörbuch. Diesmal ist ihre hypnotische Stimme im Vordergrund, während die Musik nur als Soundtrack bleibt. Das Schallplattencover gehört noch aus den hunderten Varianten ausgewählt, die von den Fans vorgeschlagen wurden: Der Wettbewerb ist noch auf ihrer Webseite im Gang. Mittlerweile schreibt Isabella Santacroce an ihren elften Roman, deren Hauptfigur Dorothy heißt. Obwohl die Autorin der Meinung ist, dass „die besten Antworten in meinen Bücher herauszufinden sind”, war sie damit einverstanden, interviewt zu sein.

Sie haben in „Amorino”, Ihrem letzten Roman, geschrieben: „Io amo Amore, quel paese piccolo, senza finestre, chi mi ha ucciso” („Ich liebe die Liebe, diesen kleinen Ort, ohne Fenster, die mich getötet hat”). Was ist Liebe für Sie?
Liebe ist für mich eine Erscheinung, ein Wunder. Aber auch Schmerz und Tod. Also antworte ich, auch wenn es schwierig ist, eine nicht-alberne Antwort zu finden. Emily Dickinson schrieb, „dass Liebe alles ist, das ist alles, was wir wissen”. Ich weiß, dass ich immer Liebe suche, und dass es nichts gibt, was ich am meisten liebe. Ich tue alles für die Liebe. In seinem Namen. Mehr als eine Antwort, es ist meine Wahrheit.

Religion ist eines der wiederkehrenden Motive Ihrer kürzlich geschlossenen „Desdemona Undicesima” -Trilogie, aber oft erscheinen „umgedrehte” religiöse Motive oder werden mit gnostischen oder neuplatonischen Elementen kombiniert. Wie ist Ihre Beziehung zur Religion, wie sehen Sie die?
Ich weiß nicht, was meine Beziehung zur Religion ist. Es ist die Religion, die weiß, welche Beziehung sie zu mir hat. Ich habe jedoch eine religiöse Beziehung zum Schreiben. Deshalb habe ich gesagt, dass Gott mein Ehemann ist. So wie es für eine Nonne, für eine Ordensschwester ist. Ich bezeichne mich eine Klausurschriftstellerin. Ich weiß, dass ich eine wichtige Beziehung zu Gott habe. Seit jeher. Mein Schreiben ist mir heilig, weil es von ihm bewohnt wird. Ich fühle seine Anwesenheit, und ich frage mich nicht nach einer Erklärung. Es ist schwer für mich, die Fragen eines Interviews zu beantworten. Ich denke, eines Tages werde ich keine weiteren Interviews geben. Und nicht wegen Snobismus. Alle meine richtigsten Antworten sind in meinen Büchern vorhanden.

„Ich denke an meinen Nachnamen als an einen Kreis. Auch wenn umgedreht ändert sich nichts”

Ist es ein Fluch oder ein Segen, einen Namen wie Santacroce zu haben? Können Sie sagen, dass Sie eine „kopfstehende Santacroce” sind?
Ich denke an meinen Nachnamen als an einen Kreis. Auch wenn umgedreht ändert sich nichts. Ein Kreis, der schnell von der Hand eines Heiligen zu der eines Sünders flutschen kann. Ich sehe mich wieder in der Dimension des von Bataille gedachten Heiligen, oder in der Dimension der Extreme. Wo Heilige und Sünder vereint sind, weil sie außerhalb der Mittelstraßen sind, weil sie als Subversive erscheinen.

Während Desdemona als „ein satanischer Gott, ein himmlischer Dämon” beschrieben wird und für Lulù Delacroix „die Heilige Messe” eine besondere Bedeutung hat, ist Amorino ein Geist. Gibt es eine bewusste Parallele zwischen den Figuren Ihrer Trilogie und denen der Dreieinigkeit?
Ja, du bist der Einzige, der das bemerkt hat. Danke.

Oft trugen Sie den Davidstern, aber vor Jahren trugen Sie auch das Hakenkreuz während einer Veranstaltung. Glauben Sie an die Möglichkeit, Symbole durch Kunst zu entmythisieren? Oder sind die Menschen zu empfindlich wenn es um Stereotype geht?
Ich benutze den Davidstern seit vielen Jahren, und wenn ich meine Bücher signiere, zeichne ich sie über meinen Namen. Vielleicht ist es Schmerz, uns zu vereinen. Vielleicht ist etwas anders, das zu einem meiner früheren Leben gehört. Ich weiß nur, dass ich mit achtzehn zu einem Goldschmied ging, weil er einen Ring mit dem Davidstern schuf, den ich immer noch oft trage. Ich fand es lächerlich, wegen Nazi-Apologie vorgeworfen zu sein, nur weil ich während einer meiner Aufführungen ein Hakenkreuz trug. Ich sehe die Nazi-Apologie in anderen, sogar in denen, die Fleisch essen, obwohl sie wissen, dass das Tier, das sie essen, in einer Art Konzentrationslager eingesperrt und getötet wurde. Es gibt so viel Heuchelei, Gleichgültigkeit, Feigheit und Grausamkeit, die als Gewohnheit verkleidet sind. Ich denke, es ist möglich, alles zu entmythisieren, aber es bleibt nur ein Spiel von Illusionisten.

Um die Kritiker zu befriedigen, muss ein Schriftsteller originell sein … aber nicht zu viel. Was denken Sie über dieses „Bett des Prokrustes” der zeitgenössischen literarischen Welt?
Ich lebe seit Jahren im Exil. Boykott und Ausgrenzung haben mir literarische Kritik und Massenmedien mit Großzügigkeit gegeben. Mittelmäßigkeit ist geschützt und gerühmt, weil sie niemanden stört. Weil sie beruhigend ist. Es ist nicht einfach, solche Unehrlichkeit zu ertragen. Ich muss weder die Kritiker noch mich selbst befriedigen, sondern die Literatur; ich möchte die Literatur befriedigen, ich will, dass sie stolz auf mich ist.

In Ihren Büchern greifen Sie oft auf Pornographie zurück, ohne Worte oder sinnbildliche Darstellungen zu vermeiden, die „Minderjährigen verboten” sind. Haben Sie keine Angst, dass ein Leser sich an diese „Étiquette” klammern wird, dass der die wahre Essenz der Bücher hindurch verliert, während andere Leser die wahre Botschaft verlieren können, weil sie zu „puritanisch” sind?
Es ist keine Pornografie, es ist einfach Sex. Und nicht in jedem Buch ist anwesend. In „V.M.18” gibt es keinen Sex, es gibt etwas anderes, es gibt aufregende Grausamkeit, blutige Sinnlichkeit, orgiastische Liturgie. In „Lulù Delacroix” ist Sex völlig inexistent. Im „Zoo” fast nicht existent. In „Fluo” und in „Dark Demonia” ebenfalls. In „Amorino” gibt es schwarze, spirituelle Erotik. Literatur ist niemals vulgär, sondern die Erzählung, selbst wenn sie einen Kuss berichtet. Wenn ich schreibe sorge ich mich nicht, dass ich nicht verstanden bin, ich interessiere mich nicht einmal dafür, mich selbst zu verstehen.

Sie haben oft gesagt, dass es einen großen Unterschied zwischen Leben und Realität gibt. Können Sie das erklären?
Der Unterschied zwischen Leben und Realität gleicht dem zwischen Literatur und Erzählung oder zwischen Blut und Plastik, oder zwischen einem Konzentrationslager und einer Karnevalsparty.

Sie haben eine wirklich treue Gruppe von Fans, was können Sie uns über die vor zwei Jahren stattfindende Aufführung „Cerbiatti Rivoltosi” erzählen? Haben Sie erwartet, so viele daran teilzunehmen? Möchten Sie die Erfahrung wiederholen?
In jenen Weihnachtstagen trafen die rebellierten Hirschen ein, unter den Marionetten, die Geschenke kauften. Die waren frei in dieser – gewiss nicht von Gott gewollten – Weihnachtsgefangenschaft. Die Städte Italiens sind zu ihren Wälder geworden. Ich habe mir keinesfalls eine so große Beteiligung vorgestellt, und vielleicht werden die Hirschen zurückkehren.

„Im Dichter Paul Celan finde ich den Klang der Geige von Alexander Balanescu und die Stimme von Maria Tănase auf”

„Luminal” ist 32 Persönlichkeiten gewidmet, darunter dem in Rumänien geborenen Dichter Paul Celan. Was hat Sie dazu gebracht, es zu benennen?
Ich liebe Alexander Bălănescu sehr, ich habe viel geschrieben indem ich seinen Geigen gelauscht habe. Und dann liebe ich Maria Tănase. Im Dichter Celan finde ich den Klang der Geige von Bălănescu und die Stimme von Tănase auf.

Sie haben kürzlich ein spezielles Projekt angekündigt: ein „Luminal” Hörbuch, auf dem Sie Ihren Roman vorlesen werden. Inwieweit ist es fertig? Was können Sie über die Hintergrundmusik erzählen? Wurden die Stücke besonders für dieses Projekt komponiert? Können Sie ein paar Autoren erwähnen?
Wir stellen die Aufnahme meiner Stimme und der Chöre fertig. Jessica Hyde kreierte die Musik für diese CD, einen Soundtrack, der aus fünfundsechzig Songs besteht, von denen jeder speziell auf die Wörter des Buches zugeschnitten ist. Ein gigantisches Werk, zwei Jahre Arbeit nur für Musik. Es wird eine Doppel-CD sein.

Da wir gerade von Musik sprechen: „Inno” (kürzlich erschienen) ist das fünfte Album von Gianna Nannini – nach „Aria”, „Grazie”, „Giannadream” und „Io e te”, zu dem Sie mit Texten beigetragen haben. Was können Sie von dieser Zusammenarbeit erzählen: Wie hat es angefangen? Wer wählt das Thema der Texte?
Die Themen wählen wir oft zusammen. Wir trafen uns eines Abends in Mailand und von diesem Moment an begann unsere Zusammenarbeit. Sie hatte dann „Luminal” gelesen und fand meine Art zu schreiben sehr musikalisch.

Musik ist in Ihrer Arbeit und in Ihrem Leben omnipräsent: Sie hören die beim Schreiben, Sie teilen die mit Ihren Fans / Freunden auf Facebook, sogar die Wörter Ihrer Bücher wählen Sie wegen ihrer Musikalität. Wie wichtig ist Musik für Sie?
Sehr wichtig. Ich kann sie gut und auf verschiedene Arten benutzen. Musik ist ein Schlüssel, der Türen öffnen kann. Ich wähle die Musik, die ich brauche. Ich erstelle Soundtracks für jedes Buch, nur für den „Zoo” war Stille. Für „Amorino” hörte ich mächtige, manchmal beängstigende Musik, wie zum Beispiel „Abstract” von Frozenthia Depresis, immer und immer wieder. Es war vernichtend. Besonders wenn man es so hört, wie ich es gehört habe, nachts, in der Dunkelheit eines Dachbodens, während ich ein Buch schrieb, das von mir als eine wahre spiritistische Sitzung gelebt wurde, für die ich zwei Jahre das Medium war. Ich denke, diejenigen, die „Amorino” gelesen haben, haben es bemerkt.

Haben Sie sich schon für das Thema des nächsten Buches entschieden? Was können Sie uns darüber erzählen?
Dass die Hauptfigur Dorothy heißt. Dass es voller Poesie ist. Ich schreibe an dieses Buch indem ich Kopfhörern trage – mit lautester Musik, vieler Geigen und meister Liebe.

Auf Ihrer Facebook-Seite ist geschrieben, dass Sie Rumänisch sprechen. Wann und wie haben Sie diese Sprache gelernt?
Ich spreche sie nicht, aber ich würde es mögen. Ich denke oft, dass ich eines Tages nach Rumänien kommen werde, um dort zu leben. Rumänien hat für mich eine Farbe, es ist ein dichtes, heiliges Violett.

In einem Interview sagten Sie, dass Sie möchten, gefragt zu werden: „Liebst du mich?” Worauf könnte Ihre Antwort abhängen?
Ich würde „Ja” antworten, wenn ich von einer unbekannten Person gefragt würde, die ich nie begegnen werde.

Reclame

Lasă un răspuns

Completează mai jos detaliile tale sau dă clic pe un icon pentru a te autentifica:

Logo WordPress.com

Comentezi folosind contul tău WordPress.com. Dezautentificare /  Schimbă )

Fotografie Google+

Comentezi folosind contul tău Google+. Dezautentificare /  Schimbă )

Poză Twitter

Comentezi folosind contul tău Twitter. Dezautentificare /  Schimbă )

Fotografie Facebook

Comentezi folosind contul tău Facebook. Dezautentificare /  Schimbă )

Conectare la %s

Acest sit folosește Akismet pentru a reduce spamul. Află cum sunt procesate datele comentariilor tale.