Wenn der Autor den Ausweg eigenes Fegefeuers sucht

Ein Text von Paul Iancu

Das Motiv Paradies-Hölle-Fegefeuer ist in Literatur wohlbekannt; der wichtigste Autor, der es verwendete, ist zweifelsohne Dante Alighieri. Aleister Crowley („Diary of a Drug Fiend”) ist noch einer. Seit 2012 steht auch Isabella Santacroce auf dieser Liste.

Dantes Weg ist „ansteigend”: er reist von der Hölle ab, geht dann durch das Fegefeuer und kommt schließlich im Paradies an. Er ist nur ein „Beobachter”: vom lateinischen Dichter Vergil lässt er sich durch die ersten zwei Gebiete geführt; der letztere (der als Heide ins Reich der Auserwählten nicht darf) wird von Beatrice – der Herrin seines Herzen – ersetzt. Ihm waren zwei Treffen genug, sich unwiderruflich in die junge Bankierstochter zu verlieben. Vergessen konnte er sie nicht einmal nach ihrer viel zu früherem Tod, ganz im Gegenteil: ihr Ableben passte völlig zum Gedankenspiel romantischer Liebe, die umso stärker wird, als die Liebste unzugänglicher ist. Zudem wurde der Autor der „Göttlichen Komödie” vom irdischen Leben ein paar Monaten nach der Fertigstellung seines Meisterwerks abberufen – um seine Muse wiederzutreffen, vielleicht…

Der englische Schriftsteller Aleister Crowley verwendet (und zugleich verwandelt) dieses Motiv, um den Aufstieg, den Abstieg und abschließend die Rückkehr aus der Hölle zu berichten – es geht wieder um ein Liebespaar: Sir Peter Pendragon und seine „Unlimited Lou”. Genauso wie Dante ist der Autor (der von der Hauptfigur King Lamus wiedergespiegelt wird) nur ein Beobachter, dennoch übernimmt er im letzten Teil eine aktive Rolle, er wird zu deren Führer zum Licht, durch Thelema. Crowley beginnt also mit dem Paradies, das die Verliebten dank dem von Peter unerwartet erhaltenen Erbschaft erleben – sowie mithilfe der Drogen, wegen denen das Paar in einen narkotischen Strudel geworfen wird. Basil King Lamus beobachtet sie genau weiter während ihres unvermeidbaren Untergangs – die Hölle, jedoch schaltet sich zum richtigen Zeitpunkt ein, um ihnen zu helfen, sich selbst zu retten (das Fegefeuer, wie das letzte Teil der Geschichte heißt).

In Isabella Santacroces Fall hängen die drei Romanen scheinbar nicht miteinander zusammen, obwohl sie zu einer Trilogie gehören. Die Hauptpersonen erster zwei Bücher (Desdemona Undicesima bzw. Lulu Delacroix) scheinen zwar auf, aber nur als Marionetten, die ihr vorigen Puppenspieler – ihr Schöpfer, Isabella Santacroce in Person – mitbringt. Während die italienische Schriftstellerin sich in „V.M. 18” und „Lulu Delacroix” damit begnügt, ihre Figuren zu erschaffen und zu handhaben, verspürt sie in „Amorino” das Bedürfnis, persönlich unter ihnen hinabzusteigen, sich ihnen anzuschließen und mit ihnen zu interagieren. „Ciao mi chiama Isabella” („Hallo, ich heiße Isabella”), stellt sich die Figur/Autorin am Ende ihrer ersten Tagebucheintrags/Einmischung vor.

Der ganze Roman besteht aus Berichten seiner Figuren: nicht nur werden die Santacroces Einträge „zitiert”, sondern auch die Tagebücher der Zwillinge Stevenson und des Paters Amos sowie das Buch/Bekenntnis von dottor Thompson und die von Bernadine und ihrer Mutter Margaret Green geschriebenen Briefe (den Inhalt der Antworten lässt sich aber nur erahnen). Demnach ist die Handlung nicht flüssig, sondern wird sie vom Leser entschlüsselt, während er in die Gedanken der Bewohner des idyllischen Minster Lovell eingeht (im Übrigen: mithilfe Google Maps ist es möglich, genau das kleine englische Dorf mit seiner St. Kenelm Kirche und Old Swan zu lokalisieren).

Alle Figuren des Romans suchen ihren Ausweg eigenes Fegefeuers und der von ihnen ausnahmslos gewählte Ausweg ist die Liebe. Jedoch alle schlagen fehl, weil in von Santacroce erschaffener Welt ist die Liebe nicht vorhanden! Sie steht in den allermeisten Fällen für ein lyrisches Intermezzo in einer Welt der wilden Geschlechtsakte, während deren man in einen animalischen Zustand verdorben wird – und sogar noch tiefer. Eine Erlösung durch Religion ist ebenfalls unmöglich wegen des Seelsorgers selbst – der pädophile Pfarrer Amos, der Geistliche, der die im Laufe der Beichte erfahrenen Geheimnisse ausnutzt, um seine fleischliche Lust zu befriedigen und zugleich zerstört er die jungen Seelen, die sich dieser „himmlischen Kreatur” anbieten (wie er von Margaret immer wieder angesehen wird).

Es wäre schwierig, alle Leitmotive aufzuzählen, zumal diese – sowie die Wiederholungen und andere Stilfiguren – von der Autorin obsessiv, sogar übermässig genutzt werden. Es ist auch der Fall der Sexszenen – beschrieben werden diese mal naiv von dem 13-jährigen Mädchen, mal haarklein und unzüchtig von dem Figuren, die jede Grenze der Perversität überschritten haben. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass dies einerseits der „jungen Kannibalin” Zugang zu dem sehr jungen Publikum erlaubt, das von solcher Literatur begeistert ist, andererseits lässt die wählerischen Leser deswegen einen solchen Roman überblicken, indem sie darüber die Nase rümpfen. Es stimmt aber, dass diejenigen, die unter dieser Zinnfolie suchen, die weder sie mit dem einzigen Essen für Gedanken verwechseln, das das Buch zu bieten hat, noch sie empört ablehnen, eine spannende Reise durch die Gedanken diesen Figuren erleben können, Figuren die diese echte Irrenanstalt bewohnen, die aber wie eine respektable englische Gemeinschaft aussieht.

Wenn die Liebe nicht vorhanden ist, ist aber das Liebebedürfnis überwiegend, sogar beklemmend. Für samt und sonders und Isabella selbst (als Charakter) is keine Ausnahme. Die Gefühle werden dennoch im Keim ersticken. Annetta und Albertina betreten frühzeitig (mit 13) eine Welt der Perversität und sie werden deswegen zu solchen Figuren umgewandelt, die sich sogar Marquis de Sade – vielleicht – nicht vorstellen könnte. Genauso jung wird Bernadine in einem ähnlichen Wirbel gefangen: sie zaudert zwischen dem kleinen Tommy – der unerfahren ist wenn es um Liebe (machen) geht -, dem „gut bestückten” Alexander – der jedoch (insbesondere nach der Ankunft der zwei bildschönen Fremden) geblendet scheint zu sein und deswegen bemerkt er das kleine Mädchen nicht – und dem verderbten Pfarrer – der mit allen Wassern gewaschen ist. Zum Schluss hat sie gemischten, doch nur negativen Gefühlen: Verachtung für den Ersten, Eifersucht für den Zweiten und Widerwille für den Dritten.

Der Pfarrer selbst denkt dass er verliebt sei, doch ist er von der kleinen Lolita nur fasziniert, die sich ihm mit kindlicher Naivität anbietet (diese Dualität von Bernadine – treuherzig und doch pervers – ist spürbar in den Briefen, die sie ihrer Cousine schickt), nachdem er alle, die er bisher durch psychologische Erpressung zu seinem Bett brachte, zynisch ausgenutzt hat. Um Faszination get es auch im Falle von Alexander, dem zwei glamouröse Damen – unter allen Gesichtspunkten – ihre Beachtung schenken, davon er nie zu träumen wagte. Was die Gefühle von Margaret für die in Minster Lovell angekommene Fremde angeht – allerdings ziemlich unglaubwürdig von der Schriftstellerin entworfen -, sind diese nur eine Nachwirkung ihres Verlusts des Verstandes: Sie wird wahnsinnig den letzten Ereignissen zufolge. Frau Green vermischt die Verehrung ihrer Lieblingsautorin (Emily Bronte) mit der Bewunderung für die italienische Schrifstellerin, und dann mit der in dem „Sturmhöhe” beschriebene Liebesgeschichte, in der sie die Rolle von Heathcliff übernehmen würde.

Für dottor Thompson gehören die Gefühle schon zu der Vergangenheit, insbesondere nachdem er über die Untreue seiner Frau erfahren hat. Er will sie jetzt nur demütigen und erniedrigen; Miss Frinks und später Amanda können jedoch die Leere nicht füllen, die der Arzt so akut in seiner Seele spürt. Margaret ist die einzige, die ihm fasziniert, zumal sie seine Anmache ablehnt. Frau Thompson sucht Zuflucht zuerst in Religion und dann in Sex als Versuch, ihr Schicksal zu vergessen, sowie die Belastung, Mutter eines behinderten Kindes zu sein. Sie verteidigt beharrlich ihren Sohn, sowie die Position als „Favoritin” des Geistlichen/Liebhabers, und ihre Eifersucht verkompliziert noch mehr die Ereignisse.

Als wäre die Ankunft der Stevenson-Zwillinge nicht genug, um das Feuer zu entfachen, kommt Isabella Santacroce in Person in Minster Lovell an. „Die Wahrheit ist tiefgründig. Man muss weiterhin runter gehen, um die anzusehen”, rechtfertigen sie sich einigermaßen. Obwohl die Handlung des Romans hundert Jahre vor seinem Schreiben festgelegt ist (nicht nur das Datum, sondern auch die Uhrzeit mancher Tagebucheinträge wird so genau präzisiert, als wären sie von einem Psychopath geschrieben), wird sie selbst zum Charakter des Buchs. Sie ist keineswegs ein kühler Beobachter, sondern engagiert sie sich bald in Leben ihrer Figuren.

„Vielleicht bin ich ein erschrockenes kleines Mädchen, das mit dem Alphabet spielt, oder vielleicht bin ich ein erschreckendes kleines Mädchen, das versucht, es zu zerstören” schreibt Santacroce (die Hauptfigur) in ihr allererstes Eintrag/Geständnis. Jedesmal findet sich Isabella jedoch an der anderen Seite des von ihr selbst gewobenen Spinnennetzes: sie ist erschrocken wenn sie die sadistische Meisterin der Schicksale anderer wäre („Ich schreibe euren Selbstmord” behauptet sie darin) und andersherum. Schlussendlich kann Santacroce niemanden retten, obwohl alle eine Erlösung brauchen, weil sie selbst bedürft – und sogar mehr als alle anderen – gerettet zu werden. Aber ihre Schwäche kann auch als nur eine Falle für den Leser gesehen werden, der auf diese Weise gezwungen ist, weiterhin durch und über das Buch hinaus den Verfall derer zu beobachten, mit denen die Welt des Romans bevölkert ist.

Obschon ein Teil der Handlung sich lösen lässt, wie zum Beispiel die mehreren Bedeutungen des Titels – „Amorino”, bleiben noch viele Fragen, deren Antwort vom Leser gefunden werden muss. Es geht um ein Roman mit offenem Ende: die Schriftstellerin verlässt Minster Lovell, das zu einem Ort wird, wo die Lebenden und die Toten weiterhin koexistieren, in einer hypnotischen Gotik Atmosphäre, die von dem „satanischen Gott”, dem „himmlischen Dämon”, der „Summe zweier gegensätzlicher und identischer Sakralitäten” – die den Namen Isabella Santacroce trägt – erschafft wird.

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